Klimawandel, der Huglin-Index und die Zukunft des Weins

Veröffentlicht am von Oleksandra (meteoblue)

Der Klimawandel verändert die Weinlandschaften weltweit: Einige traditionelle Anbaugebiete werden zu warm, während weiter nördlich neue Regionen für den Weinanbau entstehen. Mit Hilfe des Huglin-Index können Winzer heute und in Zukunft besser planen, welche Rebsorten sich für ihr Gebiet eignen.

Der globale Temperaturanstieg zählt zu den größten Herausforderungen für Weinbauern der letzten Jahrzehnte. Mit zunehmender Wärme verschiebt sich das empfindliche Gleichgewicht zwischen Reben, Boden und Jahreszeiten, das das Terroir einer Region prägt. In ganz Europa und darüber hinaus spüren Winzer die Auswirkungen des Klimawandels in jeder Phase der Weinproduktion.

In klassischen kühlen Weinregionen wie der Champagne, der Mosel oder in Burgund führen wärmere Vegetationszeiten dazu, dass die Trauben schneller reifen. Dies kann zwar den Zuckergehalt erhöhen, birgt aber das Risiko, dass Säure und aromatische Komplexität abnehmen – Eigenschaften, die diese Weine auszeichnen. Gleichzeitig sehen sich südlichere Regionen wie Spanien, Italien und Südfrankreich mit neuen Extremen konfrontiert: Hitzestress, Wasserknappheit und sogar Rauch durch Waldbrände. Dadurch verschieben sich Erntezeiten, während sich zugleich neue Chancen für den Weinbau in nördlicheren oder höher gelegenen Regionen eröffnen.

Diese sich verändernde Geographie des Weinbaus erfordert neue Werkzeuge und bessere Daten, um zu verstehen, wie sich der Klimawandel auf das Wachstum der Reben und die Traubenqualität auswirkt. Eines der wertvollsten Instrumente hierfür ist der Huglin-Index – ein bioklimatischer Wärmeindikator, der Winzern hilft, die Eignung bestimmter Rebsorten für aktuelle und zukünftige Bedingungen zu bewerten.

Weintrauben gehören zu den wertvollsten gartenbaulichen Kulturpflanzen der Welt.

Wärme messen für den Wein: Was ist der Huglin-Index?

Der Huglin-Index (HI) wurde in den 1970er-Jahren vom französischen Wissenschaftler Pierre Huglin entwickelt. Er ist ein bioklimatischer Wärmeindex, der beschreibt, wie geeignet das Klima einer Region für bestimmte Rebsorten ist. Er misst die während der Vegetationsperiode – von April bis September – akkumulierte Wärme, basierend auf den täglichen Durchschnitts- und Höchsttemperaturen über 10 °C, der biologischen Wachstumsschwelle der Rebe. Ein Korrekturfaktor berücksichtigt die geografische Breite, da längere Tageslichtstunden in nördlicheren Regionen kühlere Temperaturen teilweise ausgleichen können.

In der Praxis zeigt der Huglin-Index, wie viel Wärme einer Rebe während der Saison zur Verfügung steht und welche Sorten in einer Region gedeihen können. Jede Rebsorte benötigt eine bestimmte Wärmesumme, um ihre volle Reife zu erreichen: In kühleren Gebieten mit HI-Werten zwischen etwa 1500 und 1700 fühlen sich frühreifende Sorten wie Müller-Thurgau, Weißburgunder oder Gewürztraminer wohl. Bei 1700 bis 1900 liegen die idealen Bedingungen für klassische Sorten wie Riesling, Chardonnay und Spätburgunder (Pinot Noir). In wärmeren Regionen mit einem HI über 1900 gedeihen Sorten wie Cabernet Franc, Merlot, Cabernet Sauvignon oder Syrah, während in besonders heißen, mediterranen Klimazonen mit HI-Werten über 2200 wärmeliebende Rebsorten wie Grenache oder Carignan optimale Bedingungen finden.

Jede Rebsorte benötigt eine spezifische Wärmesumme, um über einen längeren Zeitraum erfolgreich kultiviert werden zu können.

Globale Erwärmung und die Verschiebung der Weinbaugrenzen nach Norden

Mit dem Anstieg der globalen Temperaturen erhöht sich der Huglin-Index in ganz Europa. Regionen, die früher für den Weinbau zu kühl waren – etwa Südengland oder Teile Dänemarks und Polens – erreichen inzwischen HI-Werte, die den Anbau von Weintrauben ermöglichen. Gleichzeitig überschreiten traditionelle Weinbaugebiete in Südeuropa bereits die optimalen Wärmebereiche vieler ihrer klassischen Rebsorten.

Diese Verschiebung der Weinbauzonen nach Norden ist auf Karten des Huglin-Index, die auf jahrzehntelangen Klimadaten basieren, deutlich zu erkennen. Zwischen 1981 und 2020 haben sich die als „mäßig warm“ klassifizierten Regionen stark ausgedehnt, wodurch neue Gebiete qualitativ hochwertigen Wein produzieren können. Zugleich überdenken Winzer in wärmeren Regionen ihre Sortenwahl, Bewässerungsstrategien und Erntezeitpunkte, um sich an die zunehmende Hitze anzupassen.

Die räumliche Verteilung des Huglin-Index (HI) hat sich in Europa im Laufe der Jahrzehnte von 1981 bis 2020 verändert (Quelle: meteoblue.com).

Neben steigenden Temperaturen bringt der Klimawandel auch größere Schwankungen mit sich: Spätfröste, lange Dürreperioden, intensive Hitzewellen und veränderte Niederschlagsmuster erschweren die Bewirtschaftung der Weinberge und machen datenbasierte Anpassungsstrategien wichtiger denn je.

Vorausschauende Planung: Der Huglin-Index in Klimaprojektionen

Der Huglin-Index hilft nicht nur, die aktuelle Eignung einer Region zu bewerten, sondern auch zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren. In Kombination mit Klimaprojektionen unter verschiedenen Treibhausgasszenarien (RCP-Szenarien) können Winzer abschätzen, wie sich die Bedingungen bis 2050 oder 2100 verändern könnten.

Beispielsweise könnte ein Gebiet, das heute optimal für Riesling oder Spätburgunder (HI etwa 1800) geeignet ist, bis Mitte des Jahrhunderts Wärmebedingungen erreichen, die besser zu Cabernet oder Syrah passen. Für Winzer sind solche Erkenntnisse entscheidend, um langfristige Entscheidungen über Neupflanzungen, Sortenwahl oder Investitionen in neue Standorte zu treffen. Da sich Weinbauprojekte über Jahrzehnte erstrecken, ist eine frühzeitige Anpassung entscheidend, um Qualität und Wirtschaftlichkeit zu sichern.

Karte mit dem Entstehen neuer weintauglicher Regionen sowie Verschiebungen bestehender Anbaugebiete, in denen künftig Sorten mit höherem Wärmebedarf kultiviert werden können (Quelle: meteoblue.com).

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass lokale Mikroklimata, Hangneigung und Höhenlage zu deutlichen Unterschieden in der Wärmeakkumulation führen können. Südexponierte Hänge beispielsweise weisen häufig deutlich höhere HI-Werte auf als der regionale Durchschnitt – weshalb eine standortspezifische Modellierung unerlässlich bleibt.

Weinproduktion unterstützt durch smarte Tools und Daten

Der moderne Weinbau stützt sich zunehmend auf präzise Daten, um sich an den Klimawandel anzupassen. Mit modernen Wetter- und Klimamodellen können Winzer den Huglin-Index heute für jeden beliebigen Standort berechnen – für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und diese Informationen zur Planung nutzen.

meteoblue bietet diese Möglichkeit im Rahmen des climate+ Klimadaten-Service, der Zugang zu detaillierten historischen Wetterdaten und Klimaprojektionen bereitstellt. Damit lassen sich verschiedene Jahrzehnte vergleichen, Trends erkennen und zukünftige Anbaubedingungen einschätzen. Durch das Verständnis der sich verändernden Wärmeakkumulation und regionalen Klimaverhältnisse können Produzenten die Rebsorten wählen, die am besten zu den Weinbergen von morgen passen – und gleichzeitig die Qualität und den Charakter ihrer Weine bewahren.

Angesichts der heutigen Umweltveränderungen kann die Weinbranche dank intelligenter Werkzeuge wie dem Huglin-Index besser planen und dafür sorgen, dass große Weine auch in Zukunft entstehen.

The maps and meteoblue web content in this article were created within the EU-funded Horizon 2020 project STARGATE (Grant Agreement 818187).

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