Im zweiten Teil unserer Serie erklären wir, warum Hitzestress weit mehr ist als nur eine hohe Lufttemperatur. Wir zeigen, welche Auswirkungen extreme Hitze auf Menschen, Infrastruktur und Wirtschaft hat und wie detaillierte Wetter- und Klimadaten helfen, besonders belastete Regionen frühzeitig zu erkennen.
Hitze ist mehr als nur die Lufttemperatur
Während einer Hitzewelle richtet sich der Blick der meisten Menschen vor allem auf die Lufttemperatur. Sie liefert zwar eine wichtige Orientierung, bildet jedoch nur einen Teil der tatsächlichen Hitzebelastung ab.
Wetterstationen messen die Lufttemperatur mit Sensoren, die vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt sind. Dadurch wird sichergestellt, dass die Messung nicht durch die Sonne verfälscht wird. Für den Menschen spielen jedoch weit mehr Faktoren eine Rolle. Wer sich auf einem offenen Platz bewegt, auf einer Betonterrasse sitzt oder im Freien arbeitet, ist nicht nur der Umgebungsluft ausgesetzt, sondern auch der Sonneneinstrahlung, der von Oberflächen abgestrahlten Wärme, der Luftfeuchtigkeit und dem Wind.
Das Zusammenspiel all dieser Einflüsse bestimmt, was Meteorologinnen und Meteorologen als Hitzestress bezeichnen.
Den größten Einfluss hat häufig die Sonneneinstrahlung. An einem klaren Sommertag kann die direkte Sonne den Körper deutlich stärker belasten als ein schattiger Platz – selbst wenn die gemessene Lufttemperatur identisch ist. Hinzu kommt, dass Oberflächen wie Asphalt, Beton oder Gebäudefassaden tagsüber große Mengen an Sonnenenergie speichern und einen Teil dieser Wärme wieder an ihre Umgebung abgeben.
Ebenso entscheidend ist die Luftfeuchtigkeit. Der menschliche Körper kühlt sich hauptsächlich durch die Verdunstung von Schweiß. Ist die Luft trocken, verdunstet der Schweiß schnell und entzieht der Haut effektiv Wärme. Mit steigender Luftfeuchtigkeit nimmt dieser Kühleffekt jedoch ab, da die Luft bereits mehr Wasserdampf enthält. Dadurch arbeitet die natürliche Temperaturregulation des Körpers weniger effizient, und dieselbe Lufttemperatur wird als deutlich heißer empfunden.
Auch der Wind trägt wesentlich zur Kühlung bei. Schon eine leichte Brise ersetzt die warme, feuchte Luftschicht direkt über der Haut und fördert so die Verdunstung des Schweißes. An windstillen Tagen fehlt dieser Effekt weitgehend, wodurch die Hitzebelastung trotz gleicher Lufttemperatur spürbar zunimmt.
Deshalb können zwei Tage mit derselben Höchsttemperatur völlig unterschiedlich belastend sein.
Gefühlte Hitze messen
Um die tatsächliche Hitzebelastung besser zu beschreiben, verlassen sich Meteorologinnen und Meteorologen zunehmend nicht mehr allein auf die Lufttemperatur, sondern auf sogenannte thermische Komfortindizes.
Einer der am häufigsten verwendeten Indizes ist die Physiologisch Äquivalente Temperatur (PET). Im Gegensatz zur reinen Lufttemperatur berücksichtigt sie zusätzlich die Luftfeuchtigkeit, die Windgeschwindigkeit und die Strahlungseinwirkung. Das Ergebnis ist ein Wert, der beschreibt, wie die Umgebungsbedingungen vom menschlichen Körper tatsächlich wahrgenommen werden.
Die PET hat sich zu einem wichtigen Instrument in der Biometeorologie, im Gesundheitswesen und in der Stadtklimatologie entwickelt, da sie die thermischen Bedingungen im Freien realistischer abbildet. Während einer Hitzewelle weist sie häufig auf Gebiete hin, in denen Menschen eine deutlich höhere Hitzebelastung erleben, als es allein aufgrund der Lufttemperatur zu erwarten wäre.
Die Urbanen PET-Karten von meteoblue liefern ein detailliertes Bild der thermischen Bedingungen. Sie zeigen nicht nur, wo die höchsten Temperaturen erwartet werden, sondern auch, wo die Wetterbedingungen den menschlichen Körper voraussichtlich am stärksten belasten.
Wer ist besonders gefährdet?
Extreme Hitze betrifft alle Menschen – allerdings nicht in gleichem Maße. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kleinkinder sowie Personen mit Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder Nierenerkrankungen, da ihre Fähigkeit zur Regulierung der Körpertemperatur häufig eingeschränkt ist. Auch Beschäftigte im Freien, Einsatzkräfte und Sportler sind durch längere körperliche Aktivität unter direkter Sonneneinstrahlung einer erhöhten Belastung ausgesetzt.
Neben der Intensität spielt auch die Dauer einer Hitzewelle eine entscheidende Rolle. Ein einzelner heißer Nachmittag kann zwar unangenehm sein, mehrere aufeinanderfolgende Tage mit hohen Temperaturen und gleichzeitig warmen Nächten belasten den Körper jedoch deutlich stärker. Bleibt die nächtliche Abkühlung aus, wird die Regeneration zunehmend erschwert.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Umweltagentur (EEA) weisen seit Jahren darauf hin, dass die gesundheitlichen Risiken während anhaltender Hitzewellen erheblich steigen – insbesondere dann, wenn auch die Nachttemperaturen ungewöhnlich hoch bleiben.
Die steigenden wirtschaftlichen Kosten extremer Hitze
Extreme Hitze setzt zahlreiche Wirtschaftsbereiche gleichzeitig unter Druck. In der Landwirtschaft führen anhaltend hohe Temperaturen zu einem steigenden Wasserbedarf der Pflanzen, während die Bodenfeuchtigkeit rasch abnimmt. Dadurch verschärft sich der Trockenstress, und in vielen Regionen gehen die Erträge zurück. Auch Nutztiere leiden unter Hitzestress, was sich sowohl auf ihre Produktivität als auch auf ihr Wohlbefinden auswirkt. Ein aktueller gemeinsamer Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) beschreibt extreme Hitze als eine wachsende Herausforderung für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei.
Mit steigenden Temperaturen wächst zudem der Strombedarf erheblich, da Klimaanlagen und andere Kühlsysteme länger und intensiver genutzt werden. Gleichzeitig sinkt die Effizienz der Stromerzeugung. Während der europäischen Hitzewelle im Juni 2026 musste Frankreich die Leistung mehrerer Kernkraftwerke aufgrund außergewöhnlich hoher Flusswassertemperaturen vorübergehend reduzieren. Auch in der Schweiz wurde die Produktion des Kernkraftwerks Beznau gedrosselt, nachdem die Temperatur des Kühlwassers die zulässigen Betriebsgrenzwerte überschritten hatte.
Hohe Temperaturen belasten außerdem die Verkehrsinfrastruktur. Schienen dehnen sich bei anhaltender Hitze aus, wodurch Geschwindigkeitsbeschränkungen erforderlich werden können. Auch Straßen, Brücken und der Flugbetrieb können beeinträchtigt werden, wenn sich Oberflächen außergewöhnlich stark aufheizen.
Diese Auswirkungen führen letztlich zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten. Nach dem aktuellen Lancet Countdown gehen weltweit jedes Jahr Hunderte Milliarden potenzieller Arbeitsstunden verloren, weil die Bedingungen für sicheres und produktives Arbeiten zu heiß werden. Besonders betroffen sind das Baugewerbe, die Landwirtschaft und die Industrie. Doch auch viele Dienstleistungsbranchen verzeichnen während anhaltender Hitzewellen Produktivitätseinbußen.
Was verursacht lokale Unterschiede bei der Hitzebelastung?
Selbst innerhalb einer Stadt können sich die thermischen Bedingungen erheblich unterscheiden. Vegetation, Bebauungsdichte, Oberflächenmaterialien und die Luftzirkulation beeinflussen maßgeblich, wie stark sich einzelne Stadtbereiche aufheizen. So bleibt ein schattiger Park oft deutlich kühler als ein nahegelegener Platz, der von Beton und Asphalt geprägt ist. Dicht bebaute Quartiere kühlen nach Sonnenuntergang zudem meist deutlich langsamer ab als das Umland.
Um diese lokalen Unterschiede zu erfassen, sind wesentlich höher aufgelöste räumliche Informationen erforderlich, als sie herkömmliche Wettervorhersagen bieten können.
Genau hier setzen die Stadtklimalösungen an. Sie wurden speziell für den urbanen Raum entwickelt und liefern hochauflösende Wetter- und Klimainformationen, mit denen Städte lokale Klimarisiken besser bewerten und geeignete Anpassungsmaßnahmen planen können.
Ein zentraler Bestandteil sind die Urbanen Karten, die Lufttemperatur, Wind, thermischen Komfort (PET) und das Risiko von Starkregenüberflutungen auf Quartiersebene visualisieren. Dafür kombinieren sie hochauflösende Wettermodelle mit Satellitendaten, Landbedeckungsinformationen und lokalen Messungen. So entsteht ein detailliertes Bild davon, wo die Hitzebelastung besonders hoch ist und wo Anpassungsmaßnahmen den größten Nutzen bringen können.
Ausblick
Hitzewellen prägen das europäische Klima zunehmend. Um ihre Auswirkungen vollständig zu verstehen, reicht die Lufttemperatur allein jedoch nicht aus. Die großräumige atmosphärische Zirkulation bestimmt, wo sich Hitze entwickelt. Wie stark sie vor Ort wahrgenommen wird, hängt dagegen von Faktoren wie Luftfeuchtigkeit, Wind, Sonneneinstrahlung und der lokalen Umgebung ab. Dieses Zusammenspiel erklärt, warum die Hitzebelastung zwischen Regionen, Städten und sogar benachbarten Straßen so stark variieren kann.
Damit endet unsere zweiteilige Serie über Hitzewellen in Europa. Wenn Sie sich mit uns über Hitzewellen, Wettervorhersagen oder andere Themen aus dieser Artikelreihe austauschen möchten, besuchen Sie das meteoblue Community Forum. Dort setzen unsere Experten gemeinsam mit der Community die Diskussion fort.